Neues AQUAFÖHR: Stadt Wyk erklärt Beendigung des Bauprojekts – ein langer Weg geht zu Ende
28.04.2026
Am späten Abend des 23. April 2026 hat die Wyker Stadtvertretung einstimmig die Aufhebung des Vergabeverfahrens in Sachen Neubau AQUAFÖHR beschlossen. Die Stadtvertretung sieht keine Möglichkeit, dass das Vergabeverfahren für den Neubau des AQUAFÖHRS erfolgreich abgeschlossen werden kann. Die Anforderungen an den Neubau und die finanziellen Möglichkeiten der Stadt Wyk sind nicht miteinander in Einklang zu bringen.
Ein Blick zurück:
Bereits im Jahr 2015 wird beim 1971 erbauten und 1995 sanierten Wellenbad ein Handlungsbedarf für Instandsetzungen, Modernisierungen, etc. festgestellt. Die Vorplanung zu einer energetischen Sanierung beginnt. Am 24.08.2016 beschließt die Wyker Stadtvertretung, die Durchführung einer neutralen Bedarfsplanung auf Grundlage welcher eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung mit Variantenvergleich zwischen Sanierung & Aufstockung sowie Abriss & Neubau erstellt werden soll. Eine neutrale Machbarkeitsstudie wird beauftragt, die Voraussetzung für eine Förderung vom Land ist. Gutachten werden erstellt, die besagen, dass das Verhältnis der Kosten einer Sanierung gegenüber einem Neubau bei 99 % liegt. Also fast in gleicher Höhe.
Am 30. April 2019 stimmt die Wyker Stadtvertretung einstimmig dafür, das marode Wellenbad mit Außenschwimmbecken und Kurmittelbereich durch einen Neubau zu ersetzen und einen Planungswettbewerb zu starten. Der Gewinner des Architekturwettbewerbs überzeugt daraufhin mit unterschiedlich dimensionierten und senkrecht zur Promenade entwickelten Kubaturen. Aus städtebaulicher Sicht würden sich diese mit einer später zu errichtenden angeschlossenen Hotelanlage in das Gesamt-Areal mit Regenrückhaltebecken gut einfügen.
Finanzierungspläne werden aufgestellt. Anträge werden gestellt. Genehmigungen werden eingeholt. Der Bebauungsplan Nr. 25 wird geändert. Es wird ein Bau- und Förderantrag gestellt und Abstimmungen mit der Kommunalaufsicht durchgeführt. Hochwasserschutzanforderungen werden eruiert. Die Auftragswertschätzung lag bei der Bekanntmachung des Bauauftrags im Mai 2024 bei ca. 70 Mio. EUR brutto. Nach Aktualisierung im Verfahren lag die Schätzung für den Bau eines neuen AQUAFÖHR bei 90,5 Mio. EUR brutto bzw. 95 Mio. EUR incl. Teil-Leistungen der Areal-Ertüchtigung in der Lüttmarsch (u.a. 2. Bauabschnitt Regenrückhaltebecken). Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg und Hochwasserschutzanforderungen haben u.a. zu diesen neuen Schätzungen geführt. Die Investitionsbank Schleswig-Holstein (IB.SH) sagte 30 Mio. EUR netto Förderung für ein Erlebnisbad zu: Vergabe Sep 2026.
Kurzer Exkurs: Bauleistungen Areal Lüttmarsch Seit Januar 2025 laufen die Arbeiten zur Ertüchtigung des Areal Lüttmarsch. Diese umfassen im Wesentlichen die Stauvolumenvergrößerung des Regenrückhaltebeckens und damit verbunden die Errichtung eines zweiten Pumpwerks mit einer weiteren Druckrohrleitung zur Ableitung von Niederschlags- und Brandungswasser in die Nordsee. Unmittelbar neben der Durchdringung der Spundwand mit der neuen Druckrohrleitung wurde eine weitere Durchdringung für eine Meerwassersaugleitung hergestellt, um dort zu einem späteren Zeitpunkt neue Meerwasserbrunnen anschließen zu können. Ferner wurde eine neue Spundwand zur Erreichung der perspektivisch erforderlichen Hochwasserschutzhöhe eingebracht und der Schmutzwasserkanal wurde verlegt und vergrößert. Die gegenwärtig als Baustraße hergestellte Umfahrung des Regenrückhaltebeckens dient im Zuge der finalen Fertigstellung des Weges als Unterbau. Die aktuell noch durchzuführenden Restarbeiten werden voraussichtlich im Juni 2026 abgeschlossen. |
An einem Vergabeverfahren nehmen trotz einer umfassenden Markterkundung nur wenige Bewerber teil. Immerhin drei Bewerber kann die Stadt Wyk zu einer Angebotsabgabe auffordern. Doch nur ein verwertbares Angebot einer Bietergemeinschaft wird abgegeben. Dieses ist jedoch so hoch, dass es die Auftragswertschätzung weit überschreitet und für die Stadt Wyk trotz Förderung völlig unbezahlbar ist.
Was nun?
Variante 1: Bis Ende 2025 mit der Bietergemeinschaft weiterverhandeln plus zwei Monate Anpassungszeit und gegenseitig schauen, wo die Diskrepanz liegt? Nachteil: starke Modifizierung vermutlich von Nöten.
Variante 2: Aufhebung und Wiederholung des Verhandlungsverfahrens. Eventuell auf Dinge wie Außenbecken verzichten. 13-16 Monate Verzögerung. Und wer garantiert, dass dann mehr Angebote abgegeben werden?
Variante 3: Aufhebung und Einzelvergabe mit rund 75 Vergabeeinheiten (!) und höheren Planungskosten. Weitere erhebliche Baupreissteigerungen und ein deutlich erhöhtes Risiko von Bauablaufstörungen wären zu erwarten.
Auf Vorschlag des Lenkungskreises der Stadt Wyk entscheidet sich die Wyker Stadtvertretung für die Variante 1. Es wird weiter versucht, eine Lösung mit der Bietergemeinschaft zu finden. Eine Insel mit Gästen, aber ohne Bad ist nicht vorstellbar. Doch die Zeit drängt. Der Zustand ist marode. Das Gesundheitsamt war allein im Jahr 2025 vier Mal vor Ort, hat Mängel aufgezeigt. Und wie lange stehen die Fördermittel noch zur Verfügung?
Klar ist, dass es ein Erlebnisbad werden soll. Komplett mit Außenbecken, Rutsche, Spa-Bereich und Kurmittelhaus. Das Bad muss für Gruppen wie DLRG und Schulschwimmen verfügbar sein. Insulanerkinder sollen dort das Schwimmen erlernen, Gäste sich wohlfühlen. Ebenfalls nicht verhandelbar sind die Einhaltung des B-Plans und des bereits beschlossenen Gestaltungsbildes. Kurzum: Zweckmäßigkeit und Baupreis müssen stimmen.
Doch wo kann eingespart werden? Schließlich steht die Wirtschaftlichkeit über allem. Man setzt sich mit der Bietergemeinschaft wiederholt zusammen, lernt sich kennen. Doch wie kann der bisherige Angebotspreis reduziert werden? Müssen Sitzbänke geschwungen sein? Können nicht sichtbare Beckenteile aus Kunststoff statt Beton verwendet werden? Dürfen es Fliesen statt Naturstein sein? Kann die Fassadengestaltung noch vereinfacht werden? Wie viele Saunen und Behandlungsräume werden benötigt? Auf diese Weise wird jede Kalkulation genau geprüft. Es ist ein Kampf um jede Schraube. Schließlich muss der Kommunalaufsicht die Finanzierbarkeit des Bauprojekts aufgezeigt werden.
Schritt für Schritt kommt man sich in technischen Verhandlungen näher. Es wird sorgfältig gearbeitet. Ein neues, modifiziertes Angebot soll verzichten auf die Welle und auch auf die Versorgung der Schwimmbecken mit Meerwasser, da sie die Becken zudem langfristig belasten würden. Die Gestaltung des Bademantelgangs zum Hotel wird vereinfacht. Durch eine Anhebung reduzieren sich die Tiefbaukosten. Der Baukörper wird um ein Drittel von 9.750 qm Bruttogeschossfläche (BGF) auf rund 6.700 qm für alle Nutzungen reduziert. Ein Geschoss und der Gebäudeteil im Regenrückhaltebecken entfallen. Bauzeit rund 25 Monate. Kostenpunkt: 95 Mio. EUR brutto!
Eine deutliche Vorfreude auf das neue AQUAFÖHR ist jetzt bei jeder Verhandlung und in jeder Sitzung spürbar. Man scheint fast angekommen zu sein. Die Planungen sind jetzt weit fortgeschritten. Das neue, attraktive AQUAFÖHR scheint zum Greifen nah. Das neue Erlebnisbad scheint genau dies zu werden: Ein Erlebnis!
Doch die Arbeit ist noch nicht getan, denn da wären noch nicht genau kalkulierbare Risikokosten (z.B. Baugrundrisiko, Baustillstand im Winter, steigende Preise, Lieferengpässe, Planungs- und Vergaberisiko, Nachunternehmerrisiko sowie allgemeine globale Risiken) in Höhe von mind. 7,5 Mio. EUR bis 16 Mio. EUR (oder mehr). Diese müssen aus Sicht der Stadt Wyk zwingend in der max. Budgethöhe von 95 Mio. EUR brutto enthalten sein. Die Bietergemeinschaft sieht dies anders.
Die Stadt Wyk fordert daraufhin am 15.04.2026 die Bietergemeinschaft auf, verbindlich wie in einem Verfahrensbrief vereinbart, dem Auftraggeber die Übernahme dieser Risiken innerhalb eines garantierten Maximalpreises in Höhe von 95 Mio. EUR brutto und einem Raumprogramm von 6.700 qm BGF sowie den im Verfahrensbrief herausgearbeiteten Qualitäten zuzusichern. Doch diese Risiken will die Bietergemeinschaft nicht stemmen und erklärt nun endgültig, einen Kostendeckel nicht anbieten zu wollen. Das tatsächliche realisierende Risiko habe die Stadt unbegrenzt zu tragen. Das Projekt ist unter diesen Rahmenbedingungen nicht umsetzbar. Am 23.04.2026 hat die Wyker Stadtvertretung in seiner 16. Sitzung der Aufhebung des Vergabeverfahrens einstimmig zugestimmt. Die Aufhebung des Verfahrens erfolgte am 24.04.2026.
Der Bedarf eines Bades gilt für die Insel Föhr nach wie vor als unverzichtbar. Die politischen Gremien sowie die Ausschüsse der Stadt Wyk werden sich weiterhin intensiv mit dem Thema AQUAFÖHR beschäftigen. Gemeinsam verspricht man, nach sorgfältiger Abwägung, Lösungen beispielsweise für eine Kernsanierung & Modernisierung oder einen Neubau an anderer Stelle zu erarbeiten.
„Ein nicht kalkulierbares Risiko können wir unseren Bürgerinnen und Bürgern nicht zumuten. Ein neues AQUAFÖHR darf nicht die nächste Elbphilharmonie oder der nächste Berliner Flughafen sein. Wir haben noch andere Verpflichtungen wie beispielsweise den Bau einer Grundschule in Süderende, an dem die Stadt Wyk gemäß Amtsumlage mit 41,38 % beteiligt ist. Viele sehr engagierte Menschen haben über Jahre das Bauprojekt AQUAFÖHR mit viel Herzblut begleitet. Dafür bedanke ich mich sehr herzlich. Wie alle, bin auch ich traurig, dass wir den Bau in dieser Form nicht realisieren können. Unsere Stadtvertreter haben bei der Einführung in ihr Amt einmal einen Eid geschworen, Schaden von der Stadt abzuwenden. Mit ihrer schweren Entscheidung, das Vergabeverfahren aufzuheben, haben sie genau das getan.“ Uli Hess, Bürgermeister der Stadt Wyk |